Enorme Summen an Risikokapital fließen in Unternehmen, die KI in die reale Welt überführen wollen. Intelligente Hardware ist aber nicht nur eine Wette auf die weit entfernte Zukunft. Von der einen Lösung mit übermenschlichen Fähigkeiten, dem Humanoiden, der alles kann und versteht, sind wir nach wie vor weit entfernt. Zwar wird an Haushaltsrobotern in den USA, China und Deutschland mit großem Eifer geforscht, doch die bisherigen Resultate sind ernüchternd: Ungeschickte, steife Metallhaufen, die im Zweifel alles fallen lassen, was ihnen in der Küche, beim Putzen oder beim Wäschewaschen anvertraut wird, ist wahrlich nicht das, worauf die Menschheit hofft. Größtes Problem ist die Hand. Roboter greifen immer noch viel zu unsensibel zu, können die Umgebung nicht genügend einbeziehen, stolpern über Möbel, sind enervierend langsam. Dennoch gibt es Fortschritte. Aber dazu später mehr.
Physical AI in der Praxis
Was Roboter schon jetzt gut können, sind einzelne, eng umrissene Tätigkeiten, für die sie nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit trainiert werden. Acht Bereiche kristallisieren sich derzeit als hoffnungsvollste Einsatzgebiete heraus.
1. Pflege
Über
putzige Roboterchen im Kindchen-Schema
, die mit Spielen für Zeitvertreib im Altersheim sorgen sollen, ist die Forschung hinaus. Angestrebt werden zeitaufwendige Service-Fähigkeiten, die dem Personal Betreuungszeit einbringen. Roboter könnten also vielleicht schon bald Mahlzeiten aufs Zimmer bringen, auf Knopfdruck zur Hand gehen, an Medikamente erinnern und räumliche Begleitung leisten. In Deutschland arbeitet die
Technische Hochschule Mannheim
dafür mit dem chinesischen Roboterhersteller
Unitree
zusammen, dessen
G1-Modell
in einem sogenannten
4D-Labor
, also einem, das den Faktor Zeit miteinbezieht, mit allen Äußerungen des menschlichen Körpers konfrontiert wird, um später einmal in realen Umfeldern richtig agieren und reagieren zu können.
"Unsere Vision ist es, KI-Wahrnehmungsmodelle für humanoide Roboter zu entwickeln, die menschliche Handlungen verstehen, Absichten vorhersagen und damit als intelligente, sichere Partner in der Interaktion agieren können - sei es in der Pflege, Medizin oder anderen realweltlichen Umgebungen", sagt Markus Vetter
, Leiter des
Institute for Applied Artificial Intelligence and Robotics (A²IR)
an der TH Mannheim. Raus aus dem Labor und rein in Pilotprojekte an Heimen soll es ab 2027 gehen.
2. Gastronomie
Mit der vollwertigen Haushaltshilfe aus Silizium wird es auch die nächsten Jahrzehnte nichts, aber Kantinen erhalten heute schon Hilfe durch KI-Roboter. Zwei deutsche Firmen treiben die Entwicklung maßgeblich voran:
Circus
aus München und
Goodbytz
aus Hamburg. Beide haben schon erste Pilotprojekte in Supermärkten laufen,
Mercedes-Benz
will im Werk von Sindelfingen ab Sommer 2026 vollautomatisch kochen und das Militär ist sehr interessiert. Die
U.S. Army
setzt Kochroboter von Goodbytz in Südkorea ein und in der Ukraine sollen Circus-Küchen in Ausbildungskasernen für warme Mahlzeiten sorgen. Die Technologie der beiden Unternehmen ist ähnlich aufgebaut: In einem abgeschlossenen Schrank mit Sichtfenster greifen zwei Roboterarme nach vorgekochten und bereitgestellten Zutaten in Kisten, legen sie in Töpfe und wärmen das Essen auf Herdplatten. Eine KI füttert die Maschine mit gut einem Dutzend Rezepten der eher einfachen Art - nichts für die Pfanne oder den Backofen also.
3. Bau
Contech
lautet das Stichwort, mit dem die Automatisierung in der Bauwirtschaft beschrieben wird. Roboter in kleinen Fabrikhallen ziehen in Rekordtempo so gut wie alleine Wände und sogar ganze Häuser hoch.
Reframe Systems
aus den USA ist hier aktuell der Trendsetter, der seine Produktionsstätten in 3,5 Monaten aufbaut und weitgehend automatisiert Häuser baut. Die australische Firma
FBR
hat einen
Maurerroboter
gebaut, der per Lkw transportiert wird und an einem Tag die Ziegelwände für ein Haus baut. In Deutschland ist Kuka an dem Thema
modulares Bauen mit Robotiklösungen
dran, auch die
TU München
entwickelt Systeme, die das Bauen beschleunigen und verbilligen sollen. Ein erster Roboter, der
Ziegel
so in eine Wand einbaut, dass sie optimal zur Sonneneinstrahlung stehen, wurde bereits getestet.
4. Industrie
Deutschland ist federführend bei industrieller Robotik. Vor kurzem stellten die
Deutsche Telekom
und
Nvidia
die Eröffnung eines riesigen
Rechenzentrums
im Münchner Tucherpark für Anfang 2026 in Aussicht. Genutzt werden soll es zu großen Teilen für das Trainieren von Robotern, die in Produktionshallen zum Einsatz kommen. Zwei Branchenschwergewichte aus Deutschland stehen als Mieter bereits fest:
Agile Robots
aus München stellt die Hardware bereit und
Wandelbots
aus Dresden die Software für deren Trainingssitzungen. Agile hat kürzlich die Automatisierungssparte von
Thyssen Krupp
übernommen, um sich in dessen Fabriken zu beweisen. Außerdem soll dort auch bald schon der humanoide Roboter
Agile One
zum Einsatz kommen, dessen Hände zu den fähigsten der Branche zählen sollen.
Achim Lilienthal, Leiter der KI-Fabrik an der TU München
Bild: Astrid Eckert / TUM
Die industrielle Automatisierung befindet sich in einem fundamentalen Wandel: weg von Robotern mit eng begrenzten Tätigkeitsfeldern in abgeschlossenen Bereichen, hin zu Robotersystemen, die mit Menschen zusammenarbeiten. Trainiert werden sie an Institutionen wie der KI-Fabrik der TU München
, die derzeit 35 stationären, zweiarmigen Robotern und mehrere mobilen Robotern menschliche Basisfertigkeiten beibringt. "Im 'Roboter-Kindergarten' können grundsätzliche Fähigkeiten, zum Beispiel wie ein Schlüssel in ein Schlüsselloch gesteckt wird, gelernt werden, wobei ein allen Robotern gemeinsames Modell trainiert wird", erklärt Achim Lilienthal
, Leiter der KI-Fabrik und Inhaber des Lehrstuhls "Perception for Intelligent Systems" an der TU München. In einer zweiten Stufe erfolgt die Verfeinerung der Techniken. "Menschen demonstrieren, wie bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden, Roboter nehmen dies zum Beispiel mit einer Kamera wahr und lernen." Denn nichts können Roboter, weil eine Software ihnen dies befiehlt. Jede Bewegung muss erst mühsam antrainiert werden. Industrielle Umgebungen mit ihren klar definierten Aufgaben sollen deshalb der erste Schritt hin zur vollumfänglichen Mensch-Roboter-Zusammenarbeit sein.
In den USA wird nach diesem Prinzip bereits im ganz großen Stil investiert. 6,2 Milliarden Dollar stehen dem im November gegründeten KI-Startup Prometheus
von Amazon-Gründer Jeff Bezos
zur Verfügung. Die Idee: Mittels Trial and Error sollen Roboter, humanoide wie nicht-humanoide, soweit gebracht werden, dass sie die Produktion in Hightech-Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie oder der Computerbranche beschleunigen und verbilligen.
5. Forschung und Wissenschaft
Large Language-Modelle werden intensiv genutzt, bekommen jedoch auch sehr viel Kritik ab.
"Unkreativ",
"fehleranfällig" und
"begriffsstutzig" lauten einige der häufigsten Vorwürfe. Top-KI-Forscher wie Yann LeCun
und Fei Fei Li
glauben, dass LLM's aber nicht das Ende der Fahnenstange sein müssen und haben mit
AMI Labs
und
World Labs
darauf aufbauende Firmen gegründet. Ihr Ansatz: KI-Systeme, die Bild, Video, Text und Audio verarbeiten können und damit die physische Welt verstehen lernen, nicht bloß deren schriftliche Äußerungen. 3D-Animationen sind die erste Anwendung dieser sogenannten Weltmodelle, das beschleunigte Antrainieren von Robotern könnte die nächste sein. Ein anderes Startup,
Periodic Labs
, will auf diese Weise Fortschritte in Forschung und Entwicklung erzielen. Roboter sollen reale Produkte testen und zur Serienreife bringen, die zuvor von einer KI entwickelt wurden.
6. Neurochirurgie
US-amerikanische Firmen wie
Neuralink
von Elon Musk
,
Echo Neurotechnologies
,
Blackrock Neurotech
,
Paradromics
oder
Science Corporation
, aber auch deutsche wie
Cortec
in Freiburg arbeiten daran, Menschen mithilfe von Chips zu helfen, körperliche Einschränkungen in der Motorik oder der Sinneswahrnehmung zu minimieren, wenn nicht zu beheben. Mikrochips auf der Retina kombiniert mit Kameras in Brillen verbessern die Sehfähigkeit, Chips im Gehirn werden an LLM-Modelle gekoppelt, die es sprech- und bewegungsunfähigen Menschen erlauben soll, einen Computer mithilfe ihrer Gedanken zu steuern. Die Zukunftsvision:
Brain-Computer-Interfaces (BCI)
, zu deutsch Hirnimplantate, verbessern mit Hilfe von KI die menschliche Leistungsfähigkeit - schneller denken, schneller handeln. Alle Macht den Cyborgs? Dem
World Economic Forum
zufolge gibt es weltweit bereits 680 Firmen, die mit BCI-Technologien experimentieren.
Ingenieure nutzen Robotertechnik aber auch auf andere Weise, um Menschen zu helfen. Während Exoskelette als Geh- und Traghilfe schon seit über 15 Jahren von Industrie und Militär genutzt werden - der Rüstungskonzern
Lockheed Martin
entwickelte den
HULC
im Jahr 2009, um Soldaten mit schwerem Gepäck zu unterstützen - , sind weiche Exosuits eine neuere Entwicklung, die vor allem älteren Menschen behilflich sein soll, aber auch in der Rehabilitation eingesetzt werden kann. Starre Aufbauten wie die von
Ottobock
werden im Beruf eingesetzt und unterstützen etwa Hebe- oder Über-Kopf-Arbeiten. Exosuits dagegen passen sich dem Körper an und werden optisch von Manschetten und Gürteln geprägt. Am MIRMI der TU München entwickeln junge WissenschaftlerInnen
Modelle
, die Älteren bei der klassischen Stadtmenschen-Bewegungsabfolge Sitzen-Aufstehen-Gehen-Hinsetzen helfen sollen, aber auch beim Wandern und Bergsteigen. Menschen, die sich durch Alter oder Krankheit nur noch schwer bewegen können, werden durch die elektronische Gehhilfe wieder mobiler, Patienten erholen sich nach Verletzungen der Muskulatur schneller, auch der Bewegungsminderung bei neuronalen Krankheiten kann entgegengewirkt werden.
Lorenzo Masia, MIRMI-Leiter
Bild: Lorenzo Masia
7. Haushalt
Die größte Wette auf den Durchbruch künstlicher Intelligenz in die reale Welt, aber auch die langwierigste: Noch sind Haushaltsroboter nicht so weit. Dass sie weiter auf sich warten lassen, hat nicht nur darin seinen Grund, dass sie so aufwendig trainiert werden müssen. Prototypen wie die von
Boston Dynamics
,
Tesla
und
1x
aus den USA,
Neura Robotics
aus Deutschland oder
Unitree
aus China fallen alle durch ein Manko auf: Sie sind schwerfällig. Der Grund ist die Hardware.
"Heute hat das Gehirn eines humanoiden Roboters weit mehr Potenzial als seine Biomechanik", sagt Lorenzo Masia
, Leiter des
Munich Institute for Robotics and Machine Intelligence (MIRMI)
der TU München, das mit 75 Professuren zu den führenden Forschungsnetzwerken seiner Art in Europa gehört.
"Die Rechenleistung übertrifft die Kapazität der Hardware um das Vielfache, weshalb sich Humanoide oft noch ruckartig und langsam bewegen." So auch der 4NE1 von Neura, vom Hersteller als führend bei humanoiden Robotern angesehen: Schneiden fällt ihm schwer, Sandwiches fallen auseinander, jede Bewegung wirkt staksig und dadurch wenig vertrauenerweckend. Vollwertige Humanoide bleiben also eine Zukunftsvision. Mindestens bis 2040, wenn nicht länger, glauben Experten. Bis dahin wird wohl immer weiterentwickelt. Die Hersteller überbieten sich derzeit mit neuen Versionen, zuletzt
Figure AI
. Und ab Ende 2026 will Memo von
Sunday
den Haushalt übernehmen.
Mirko Holzer, Deputy Director AI & Robotics bei Sprind
Bild: Sprind
8. Automobilindustrie
Selbstfahrende Autos wären vor allem bei langen Strecken sicher eine Erleichterung. Innerstädtische Ziele werden in den USA und China bereits heute massenhaft mit Robotaxis zurückgelegt und das obwohl sie teurer sind als reguläre Taxi-Dienste. Von der Idee, stressfrei und erholt über die Alpen zu kommen, muss ich mich wohl allerdings erst einmal verabschieden. Mirko Holzer
, Deputy Director AI & Robotics bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind), beschreibt die Probleme, die vollautonomes Fahren noch lange auf kurze Strecken beschränken wird:
"Grenzüberschreitende Fahrten mit unterschiedlichen Verkehrsregeln, Wetterbedingungen, Baustellenchaos, fehlenden HD-Karten für ländliche Gebiete - der Mensch kann gut improvisieren, die Maschine noch nicht so sehr - , und vor allem: ein Flickenteppich an nationalen Regulierungen in Europa." Doch immerhin: Erste Schritte in Richtung Roboterautos soll es 2026 tatsächlich auch in Deutschland geben.
Uber
und
Lyft
wollen in München schon 2026 mit autonomen Testfahrten beginnen. Genutzt werden sollen Autos des chinesischen Herstellers
Baidu
.