12.10.2025 - Vorausgesetzt, die Retail-Media-Netzwerke werden weiter zügig Richtung Omnichannel ausgebaut, Offsite- und Offline- Werbung also auf breiter Ebene überhaupt erst ermöglicht.
von Christian Gehl
Auf 2,8 Milliarden Euro beziffert die Omnicom Media Group Germany
den Werbemarkt, der hierzulande über Kundendaten aus Online-Shops generiert wird. Fernsehwerbung bringt noch deutlich mehr Geld ein, nämlich 3,7 Milliarden Euro, errechnete der Vaunet
. Doch die Entwicklungslinien laufen einander entgegen: TV verliert an Interesse durch die Werbeindustrie, Retail Media gewinnt. Und das so stark, dass Torsten Ahlers
, Managing Director des MediaMarktSaturn Marketing Services
, eine Ablösung des jahrzehntelangen Werbekönigs sieht: "Retail Media ist kein Nebenprodukt mehr, sondern ein essenzieller Bestandteil des modernen Media-Mixes. Wir sehen bei unseren Partnern und generell in den hohen Wachstumsraten am Markt, dass Retail Media bei den Marketingabteilungen immer unverzichtbarer wird. Schon im nächsten Jahr wird es voraussichtlich die TV-Werbeausgaben übertreffen."
Zwar sprechen die Zahlen noch keine eindeutige Sprache, weil Amazon Deutschland allein zuletzt 2,93 Milliarden Euro Jahresumsatz für seine Werbesparte reklamierte, doch das bei einem Mini-Gewinn von 18,4 Millionen Euro. Schneller schmilzt nicht einmal Schnee an der Sonne. Andererseits mögen die unterschiedlichen Verrechnungsmodi von Omnicom und Amazon durchaus symptomatisch für ein Problem stehen, das Retail Media schon seit Jahren hat und das nicht kleiner geworden ist: die fehlende Vergleichbarkeit. "Das beginnt bei der Datengenerierung", sagt Stephan Fehske
, CEO der Digitalagentur Addfame
, "und reicht bis zur konkreten Ausspielung - dazwischen existieren inzwischen zahlreiche, oft proprietäre Lösungen, ohne klare Standards. Gleichzeitig spielen bei Retail Media neben dem Media Buying auch andere Stakeholder, wie etwa der Vertrieb, mit, was zu unterschiedlichen Interessenlagen und zusätzlicher Komplexität führt."
Im Grunde müsse immer noch jeder Werbetreibende als eigenes Ökosystem betrachtet und Kampagnen jeweils für sich betrachtet und analysiert werden, meint Jens Bargmann , Vice President Retail Media bei dem Werbetechnologie-Dienstleister Adform : "Der Retail Media-Markt ist derzeit so strukturiert, dass jeder Retail Media-Player ein Walled Garden ist, der seine eigenen Standards etabliert hat. Auch wenn es erste Bemühungen von Seiten des IAB oder des BVDW gibt, hier eine Standardisierung zu etablieren, ist dies noch ein langer Weg."
Die Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM)
hat einen Code of Conduct
veröffentlicht und der Retail Media Circle im BVDW
bringt immer wieder neue Metriken zur vergleichenden Erfolgsmessung heraus, zuletzt zu den Themen ROAS (Return on Advertising Spend) - der den Umsatz im Verhältnis zum eingesetzten Werbebudget berechnet - und iROAS (Incremental Return on Advertising Spend), bei dem es um den zusätzlichen Umsatz im Verhältnis zum eingesetzten Werbebudget geht, also das Geld, das die Werbung mehr hereingebracht hat.
"Der iROAS bringt eine neue Dimension der Transparenz in Retail Media. Er zeigt nicht nur, ob eine Kampagne funktioniert hat, sondern auch, wie viel echten Mehrwert sie generiert hat", sagt Dirk Hahn
, Lableiter im Lab Markttransparenz & Standards des RMC im BVDW und Director Productmanagement Retail Media bei Schwarz Media
. "Bei Retailern ist die Messung des iROAS sehr präzise möglich, da der direkte Einfluss der Werbung auf den Umsatz durch First-Party-Daten des Point of Sale umfassend gemessen werden kann."
Standardisierung ist und bleibt die zentrale Forderung aller Marktteilnehmer, mit denen iBusiness gesprochen hat. Daniel Siegmund
, Gründer und Geschäftsführer des Werbetechnologie-Anbieters One Tech Group
, meint: "Gängige Media-KPIs wie Impressions und TKP müssen die Basis jedes Kampagnenmodells bilden. Der Fokus wird daher verstärkt auf Adserving- und Programmatic-Technologien liegen, um den Fortschritt der Standardisierung voranzutreiben."
Conversion Rate und bis zu fünf Mal mehr Werbewirkung als traditionelle digitale Werbung."
Was aber natürlich nicht am Medium allein liege, betont Stephan Fehske von Addfame: "Daten alleine verkaufen kein Produkt - die Kampagne muss auch emotional überzeugen. Event-bezogene Kommunikation, themenbasierte Storytelling-Ansätze oder visuelle Differenzierung spielen hier eine zentrale Rolle. Es bleibt dabei, Creatives sind das neue Targeting."Es gibt aber auch plattformübergreifende Lösungen. Die Data-Collaboration-Plattform Infosum
lässt die Daten aller Akteure - Händler, Advertiser, Datenanbieter und Media Owner - auf einem Kanal zusammenfließen, ohne dass diese miteinander geteilt werden müssen. "Das garantiert unser patentierter 'Non-Movement of Data'-Ansatz", sagt Nick Henthorn, SVP Sales Europe bei Infosum. "Dieser dezentrale Ansatz ermöglicht eine datenschutzsichere Zusammenarbeit zwischen Händlern und Media Ownern auf bilateraler oder multilateraler Ebene. Jede Partei liefert einen Teil des Puzzles. Advertiser die Outcome-Daten aus ihren E-Commerce-Aktivitäten, zum Beispiel Abverkäufe. Händler die Outcome-Daten aus ihren Shops sowie Shopper-Marketing-Exposure-Daten. Media Owner wiederum liefern Exposure-Daten über die Personen, die der Kampagne ausgesetzt waren, sowie eine Kontrollgruppe, die der Kampagne nicht ausgesetzt war. Durch die Analyse dieser Datensätze kann schnell und einfach der inkrementelle Erfolg gemessen werden, also beispielsweise ein Uplift von BesucherInnen oder Verkäufen nach der Anzeigenschaltung."
Werbeplatzanbieter arbeiten aber auch autonom mit der Verlängerung zu Drittseiten: "Ein Trend mit großem Potenzial ist Audience Extension", meint Ahlers. "Durch First-Party-Daten, segmentbasierte Werbeaussteuerung und Bewegtbild-Formate sprechen wir potenzielle Käufer bereits im Awareness-Stadium an. So entwickelt sich Retail Media vom Lower- zum Full-Funnel-Produkt. Die Verlängerung von Kampagnen über verschiedene Plattformen sorgt für eine präzisere Ansprache und höhere Conversion-Raten."
Bargmann erntet allerdings Widerspruch. Sabine Jünger
, Vice President Otto Advertising, sieht die Branche noch längst nicht so weit: "Digital-Out-of-Home hat definitiv seinen Platz im Marketingmix. Das größte Potenzial sehen wir allerdings weiterhin online - hier werden Kaufentscheidungen angebahnt und vertieft, auch, wenn der Zuschlag vielfach dann im stationären Handel erfolgt. Es gibt Untersuchungen, denen zufolge 92 Prozent aller Käufe im Geschäft auf einer vorangestellten Online-Recherche basieren. Deswegen fließt ein überwältigender Anteil der Retail-Media-Spendings auch weiterhin in Onlinewerbung. In den USA sprechen wir von einem Anteil von 99 Prozent."
Nun hat Otto gar keine stationären Läden, in denen das Unternehmen Werbeflächen anbieten könnte, anders als etwa MediaMarktSaturn oder Douglas und Dm. Wie groß DOOH für Retail Media wird, hängt außer mit einer tiefgehenden Datenintegration daher auch davon ab, wie viele Omnichannel-Händler sich für den Einbau eines Werbenetzwerks entscheiden. Wichtigster Erfolgsfaktor für die Zukunft von Retail Media ist allerdings die Standardisierung. Wird der Weg in Richtung Vereinheitlichung und damit der Vergleichbarkeit von KPI's konsequent weitergegangen, steht dem Durchbruch zur bedeutendsten Werbegattung neben Search und Social Media nichts mehr im Wege - was zum einem wahrscheinlich Budget-Kürzungen für GAFA-Werbung bedeuten würde, zum anderen Milliarden für die deutsche Wirtschaft.
Düsseldorfer Werbedienstleisters Marketing of Moments sagen: "Wir haben schon viele händlerübergreifende Kampagnen umgesetzt. Unser händlerübergreifendes Retail Media-Netz im Bereich Getränkemärkte umfasst insgesamt 377 Filialen mit 547 Screens von Getränke Hoffmann, Getränkeland und Heurich Getränke-Fachgroßhandel. Das ist für gelistete Kunden natürlich toll, wenn ich über nur einen Retail Media Partner auf mehreren Retail Media Networks stattfinden kann. Auch für nicht-endemische Kunden spielen wir oftmals Kampagnen über mehrere Retail Media Networks aus. Ein Praxisbeispiel ist hier eine Kampagne, die in unserem Getränkenetz, im Lebensmitteleinzelhandel bei Edeka und Rewe, auf Bildschirmen an Tankstellen und bei Poco lief. Dem Werbetreibenden ging es darum möglichst viele Werbekontakte an den richtigen Orten und in der richtigen Zielgruppe für seine Werbebotschaft zu generieren."
Die Media-Buying-Plattform Adform ernennt Jens Bargmann zum Vice President Retail Media.
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