04.09.2026 - KI-Projekte scheitern selten an der Technik - viel öfter fehlen Ziele, Zuständigkeiten oder aufbereitete Daten. Die ReferentInnen der "Daten & KI 26" zeigen, was Sie jetzt ändern müssen.
von Dominik Grollmann
Nicht die Leistungsfähigkeit der Modelle, sondern fehlende Geschäftsziele, Datenstrukturen und Verantwortlichkeiten bremsen derzeit den produktiven Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unternehmen - darin stimmen die Referenten der HighText-Konferenz Daten & KI 26
weitgehend überein. Die aktuelle Generation der Systeme kann bereits sehr gut Texte erzeugen, Daten auswerten, Gespräche führen und eigenständig einzelne Prozessschritte auslösen, wie sich in Demonstrationen leicht beweisen lässt. Und doch ist der folgende Schritt zu einer produktiven Anwendung meist schwieriger als gedacht.
Wie groß diese Lücke ist, zeigen Zahlen des Marktforschungsunternehmens Gartner
. Mehr als 40 Prozent der Projekte mit autonomen Software-Agenten könnten demnach bis Ende 2027 wegen steigender Kosten, unklaren Nutzens oder unzureichender Kontrolle eingestellt werden.
Bild: Christian Seifert
Das hat auch Christian Seifert
, Vorstand der Digitalagentur avenit
, beobachtet. "Ein guter Prototyp ist noch kein produktiver Prozess", warnt er. Viele Unternehmen behandelten Künstliche Intelligenz als isoliertes Informationstechnik-Projekt. Dabei müsse die Arbeit mit einer nüchternen Frage beginnen: Welche Aufgabe soll schneller, besser oder günstiger erledigt werden? Erst danach lasse sich klären, welche Daten benötigt werden, wie die Anwendung in bestehende Systeme passt und wer den Betrieb verantwortet.
Jan Fischer
, Experte für Datenräume und Manufacturing-X
beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
, formuliert es noch grundsätzlicher: "Am häufigsten scheitern Unternehmen, weil sie beim Modell beginnen, nicht beim Geschäftsproblem." Ein Projekt werde erst tragfähig, wenn es etwa Maschinenstillstände reduziere, Qualität verbessere, Energie spare oder einen neuen datenbasierten Service ermögliche. Wo Daten verteilt liegen, unterschiedlich beschrieben sind und Verantwortlichkeiten ungeklärt bleiben, helfe auch das leistungsfähigste Modell wenig. "So bleibt technisch Machbares wirtschaftlich folgenlos", fasst Fischer zusammen.
Bild: VDMA
Noch herausfordernder werden die Anforderungen bei Software-Agenten, die selbst handeln, Daten verändern oder weitere Systeme bedienen - schließlich wird hier direkt Verantwortung abgegeben. Henryk Liebezeit
, Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter der Digitalagentur tripuls
, verlangt, dass Unternehmen drei Fragen beantworten können: Welche Daten gelangen wohin? Wer trägt die Verantwortung? Wie lassen sich Fehler korrigieren? "Die Leistungsfähigkeit darf keinesfalls zu Lasten der Verantwortbarkeit gehen", betont er. "Die Priorität muss von Anfang an auf der Beherrschbarkeit der Risiken sowie der Handlungsfähigkeit liegen."
Daniel Kalkowski
, Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur LifeStyle Webconsulting
sowie des Softwareunternehmens swoox.io
, geht noch einen Schritt weiter. Neben klaren Grenzen, menschlichen Freigaben und nachvollziehbaren Entscheidungen fordert er ein prinzipielles Umdenken. Geschwindigkeit und Kontrolle sind nach seiner Meinung gar nicht als Zielkonflikt zu betrachten: "Wer Nachvollziehbarkeit als Bremse behandelt und hinten anstellt, rüstet sie später teuer nach. Wer sie von Anfang an in die Architektur legt, wird schneller - weil jedes Ergebnis erklärbar ist und sich Fehler direkt finden lassen.", sagt er.
Bild: Henryk Liebezeit
Kontrolle und Nachvollziehbarkeit sind unternehmenskritisch. Aber bedeutet das auch, dass jede Komponente selbst entwickelt werden muss?
Nein, findet Michael Maschke
, SEO Experte beim Softwareanbieter XOVI
. Er warnt zwar ebenfalls eindringlich vor der Abhängigkeit von wenigen großen Plattformen. Seine Empfehlung: Unternehmen brauchen Ausweichpläne und interne ExpertInnen, die Produkte und KundInnen kennen und die Ausgaben der Systeme bewerten können. "KI soll unterstützen und nicht ersetzen; Prozesse müssen auch dann weiterlaufen können, wenn KI und entsprechende Systeme ausfallen", fordert Maschke. Wer dagegen auf eine intransparente Lösung setzt, erhält vielleicht kurzfristig eine bequeme Lösung, geht aber langfristig ein hohes Geschäftsrisiko ein.
Bild: Daniel Kalkowski
Damit rückt die Regulierung ins Zentrum. Seit dem 2. August 2026 gelten weitere Teile der europäischen Verordnung über Künstliche Intelligenz. Bestimmte interaktive Systeme müssen Nutzerinnen und Nutzer darüber informieren, dass sie mit einer Maschine kommunizieren; auch für künstlich erzeugte oder veränderte Inhalte greifen Transparenzanforderungen. Die Europäische Kommission
hat zugleich die Anwendung zentraler Regeln für Hochrisikosysteme zeitlich nach hinten verschoben. Unternehmen erhalten dadurch mehr Vorbereitungszeit - sollten dies aber keineswegs als Freibrief begreifen, Verantwortung aufzuschieben. Genauso gilt allerdings der Umkehrschluss, betont Avenit-Vorstand Seifert: "Datensouveränität darf auch nicht zur Ausrede werden, KI nicht einzusetzen." Gesucht ist eine Architektur, die Tempo ermöglicht, ohne die Kontrolle über Wissen, Entscheidungen und KundInnenschnittstellen aufzugeben.
Der Spannungsbogen zwischen technischer Machbarkeit, unternehmerischer Realität und zukunftssicherer Umsetzung zieht sich durch gesamten ersten Tag der "Daten & KI 26". Das Programm reicht mit insgesamt zehn Vorträgen von Datenräumen, Regulierung und transparenten Systemen über agentenbasierte Prozesse und automatisierte Dokumentation bis zu Unternehmensarchitekturen, Produktdatenmanagement, deutschem Hosting und Context Engineering.
Bild: Michael Maschke
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger
hat Deutschland Ende August bei einer Kabinettsklausur eine Aufholjagd bei Künstlicher Intelligenz verordnet. Als Zwischenziel nannte er gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters
einen dritten oder vierten Platz im weltweiten Wettbewerb; besondere Chancen sieht er bei industriellen Anwendungen. Deutschland besitzt dafür eine breite industrielle Basis und umfangreiches Prozesswissen. Allerdings liegt ein großer Teil davon in den Köpfen von MitarbeiterInnen, in Dokumenten oder in abgeschotteten Systemen.
Für Industrie-Experten Fischer entscheidet sich der Wettbewerb deshalb nicht allein bei Modellen und Rechenleistung, sondern beim Zugang zu Maschinen-, Prozess-, Produkt- und Servicedaten. Deutschland brauche eine skalierbare Dateninfrastruktur, gemeinsame Standards und klare Nutzungsrechte. Statt isolierte Versuche zu fördern, sollten Politik und Wirtschaft wiederverwendbare Lösungen und Datenökosysteme schaffen. Die deutsche Stärke liegt nicht im nächsten allgemeinen Sprachmodell, sondern in Daten, die anderswo nicht vorhanden sind - sofern Unternehmen sie nutzbar machen.
Bild: Sarah Rajic
Maschke hält den flächendeckenden Glasfaserausbau für noch grundlegender. Kalkowski fordert Planungssicherheit und eine öffentliche Beschaffung, die europäischen Anbietern reale Aufträge verschafft. Die Aufholjagd beginnt daher nicht mit einer einzelnen Maßnahme: Benötigt werden Datenzugang, Kapital, leistungsfähige Netze, verständliche Regeln und Unternehmen, die ihr Wissen in skalierbare Anwendungen übersetzen.
Bild: Fotografin: @Saskia Uppenkamp
Genau hier liegt aber ein Zielkonflikt. Nicht alles, was automatisierbar ist, sollte auch automatisiert werden. Ein Sprachagent kann zwar rund um die Uhr erreichbar sein und tausende ähnliche Anliegen bearbeiten. Er kann aber auch Kundinnen und Kunden in vorgegebenen Dialogschleifen festhalten oder in einem sensiblen Moment die falsche Tonlage treffen - und diese Fehler dann zusätzlich sehr hoch skalieren. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht deshalb nicht durch möglichst wenig menschlichen Kontakt. Er entsteht durch eine Arbeitsteilung, bei der für jedes Anliegen der passende Kontakt verfügbar ist.
Rajic sieht daher großes Potenzial darin, Gesprächssituationen mit Künstlicher Intelligenz zu simulieren und MitarbeiterInnen unmittelbar Feedback zu geben. Denn Service ist nicht nur Kostenblock, sondern Teil des Markenversprechens. Wer Reklamationen, Lieferprobleme oder Beratung ausschließlich unter Effizienzgesichtspunkten automatisiert, kann langfristig viel Vertrauen zerstören.
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