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Sind deutsche Start-ups weniger kreativ?

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Foto: © sk_design

Die deutsche Start-up-Szene boomt. Jede Woche schießen neu gegründete Unternehmen wie Pilze aus dem Boden, um mit einer möglichst innovativen Idee den Markt zu bereichern. Dabei wird den deutschen Anbietern von Online-Service häufig vorgeworfen, selbst nur wenig innovativ zu sein und hauptsächlich US-Vorbilder zu kopieren. Wir wollten von den ONEtoONE-Lesern wissen, ob deutsche Start-ups wirklich weniger kreativ sind und ob es Gegenbeispiele gibt.

Sarik Weber, Hanse Ventures, Hamburg
Kreativität hängt stark von ihrem Umfeld ab – ein Punkt, den das Silicon Valley für sich entscheidet, da es die Kreativität in der Start-up-Branche seit Langem kultiviert. Europa und auch Deutschland holen hier auf. Berlin und Hamburg sind attraktive Start-up-Standorte. Schaut man auf die Investment-Strategien europäischer Wagniskapitalgeber, wird deutlich, dass Kreativität, die zu neuen Ansätzen führt, seltener gefördert wird als in den USA. Ohne „Proof of Concept“ ist es immer noch schwierig, Kapitalgeber zu finden. Hier erfüllen die neuen Inkubator-Modelle, zu denen auch Hanse Ventures zählt, eine sehr wichtige Funktion. Durch sie geförderte Start-ups bieten Frühphasen-Investoren deutlich mehr Risiko-Absicherung.

Michael Hagemann, DNSi, Hamburg
Von mangelnder Kreativität deutscher Internet-Start-ups kann meines Erachtens nicht die Rede sein. Das erfolgreiche Adaptieren ausländischer Geschäftsmodelle zeugt von der hohen unternehmerischen Kompetenz der deutschen Gründerszene. Viele gute Ideen sind da, scheitern jedoch an den fehlenden Mitteln zur Vermarktung und kommen daher gar nicht erst an die Oberfläche. Ob es da vielleicht eher den Investoren an der nötigen Kreativität fehlt, um in wirklich neue Konzepte zu investieren?

Thomas Engel, Coupies, Köln
Ich denke, dass deutsche Start-ups mindestens genauso innovativ sind wie die viel zitierten US-„Vorbilder“. Zur Umsetzung neuer Ideen gehört aber häufig auch ein entsprechender Investor, der die erste Phase der Unternehmensgeschichte finanziert. Hier sind deutsche Investoren oft zu wenig risikofreudig und bauen lieber auf erfolgreiche Modelle aus dem Ausland. Innovation und Neues wird immer verlangt, da es dafür aber keine „blueprints“ gibt, ist vielen Investoren das Risiko zu groß. Ganz anders in den USA, wo Investoren eher denken: neues Geschäftsmodell = neuer Markt = größere Chancen, viel Geld zu verdienen. Daraus folgt, dass innovative Geschäftsmodelle häufiger über US-Start-ups bekannt werden als aus Deutschland.

Ivan-Alexander Jung, Mag Studio, Sofia/Bulgarien
In Deutschland ist man Neuem und Ausgefallenem gegenüber allgemein weniger aufgeschlossen. Das fängt bei den Start-up-Gründern an und endet bei Geldgebern und potenziellen Kunden. Man schaue sich nur die Diskussionen über Datenschutz und Google Street View an.

Torsten Panzer, Buzzer, Hamburg
In der Vergangenheit waren Deutsche Start-ups in der Tat häufig Kopien von US-Vorbildern. Vielleicht hat das ja mit dem deutschen Sicherheitsbedürfnis zu tun, nur „erprobte“ Ideen weiterzuentwickeln bzw. zu kopieren und sowohl das Riskio zu minimieren als auch die Erfolgsaussichten zu erhöhen. Der Trend ist aber auch von der Szene bemerkt worden und wird gerade heiß diskutiert. Die Initiatoren von „6wunderkinder.com“ scheinen in dieser Hinsicht eine positive Ausnahme zu sein.

Marco Nikolay, Die Gefährten, Köln
Für mich bedeutet ein kreatives Start-up nicht einfach nur, aus einer Idee (selbst entwickelt oder geklaut) einen Online-Service zu bauen, sondern eine Emotion beim Kunden zu wecken, ein Erlebnis zu schaffen und vielleicht sogar den Alltag der User zu erleichtern. Es geht heute um mehr als nur eine Internet-Seite. Vor dem Hintergrund der unzähligen Online-Services ist es sehr wichtig, ein rundes Gesamtkonzept anzubieten. Das klappt aber eigentlich nur, wenn die Grundidee stimmt. Trotzdem ist die Bandbreite der Möglichkeiten riesengroß, und es stimmt leider, dass manche deutsche Start-up-Unternehmen mit ihrer Kreativität eher sparsam umgehen. Dafür kann es viele Gründe geben. In Amerika wächst man mit dem „Think big“-Gedanken auf. Bei uns herrscht leider häufig die deutsche Zurückhaltung. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Und sich Inspiration aus Amerika zu holen, daraus dann etwas zu machen, das für unseren Markt Mehrwert bringt, ist doch auch kreativ! Positive Start-up-Beispiele sind zum Beispiel Mymuesli.de, soziale Projekte wie betterplace.org oder der intelligente Fahrdienst flinc.org. Alle waren selbst kreativ und brauchten keinen amerikanischen Vorgänger.

Ann-Christin Zilling, Unternehmenskommunikation, Hamburg
Kreativität ist für mich nicht die selig machende Währung. Ich würde einem Apfel aus dem Alten Land ja auch nicht vorwerfen, dass er nicht so rund ist wie der vom Bodensee.

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Zeit: 02.09.2011