30. März 2010
Verlagsbranche
Neue Allianzen wollen Paid Content durchsetzen
Die US-Version der Frauenzeitschrift "Marie Claire" zeigt, wie die iPad-Anwendung eines Magazins aussehen kann
Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“, soll es einmal als „verfluchten Geburtsfehler des Internets“ bezeichnet haben, dass dieses kostenlos ist: „Diesen Fehler werden wir nicht korrigieren können.“ Mit dem Problem der fehlenden digitalen Erlöse wollen sich die Verlage jedoch nicht kampflos abfinden.
Aktuell versuchen die Medienhäuser, sich untereinander oder mit anderen zu verbünden, um Paid Content doch noch etablieren zu können. So kündigt die Gruner+Jahr-Tochter Deutscher Pressevertrieb für den Sommer den Start eines E-Kiosks an. Die „Mehrheit der Verlage“, so Geschäftsführer Olaf Conrad in einem Interview, soll darüber nonexklusiv ihre Inhalte vertreiben.
Hinter solchen Plänen stehen die Hoffnungen, die die Verlagsbranche mit neuen mobilen Endgeräten, insbesondere Apples iPad (siehe OtO 03/10), verknüpft. Damit sollen sich Strukturen etablieren lassen, innerhalb derer der Verbraucher bereit ist, für Inhalte zu bezahlen.
Apple kontrolliert die Inhalte
Viele Häuser entwickeln deswegen zurzeit auch Anwendungen für das iPad. Diverse Web-Videos zeigen, wie Magazine in Zukunft aussehen könnten. Zu sehen sind häufig mit Hilfe von Bewegtbild aufwändig inszenierte Inhalte mit Interaktionsmöglichkeit. Dafür werde, so die Hoffnung, der Verbraucher auch bereit sein, die Geldbörse zu zücken.
Problematisch ist jedoch, dass Apple zum einen mit dem iPad keine eigene Infrastruktur für Magazine liefert, wie es der Konzern etwa für Bücher mit iBooks tut. Die Verlage müssen wie andere Unternehmen den App- oder iTunes-Store nutzen. Zum anderen kontrolliert Apple dieses Umfeld und kann eine Zensurfunktion ausüben. Dass diese Befürchtung nicht komplett abwegig ist, zeigen die letzten Ereignisse rund um den iPhone-App-Store. Nachdem Apple für diesen striktere Richtlinien ausgab, flog eine Anwendung von „Bild“ mit leicht bekleideten Damen aus dem Angebot.
Telekom will Lücke nutzen
Die Verlagshäuser suchen deswegen auch extern nach Alternativen. Die Deutsche Telekom ermöglicht den Verlagen nun die Abrechnung von digitalen Inhalten über die Telefon-rechnung von 40 Millionen Kunden. Nicht nur der „Spiegel“ mit seiner neuen App, die das E-Paper des Magazins samstags um 22 Uhr, also vor Erscheinen der Print-Ausgabe, zur Verfügung stellt, nutzt das Angebot, sondern auch Axel Springer: Kos-tenpflichtige regionale Inhalte von Bildmobil sowie der Apps von „Bild“ und „Welt“ können so bezahlt werden. Größtes Plus des Telekom-Angebots aus Sicht der Verlage: Es ermöglicht den Abschluss eines sich selbst verlängernden Abonnements, wie es aus dem Print-Geschäft bekannt ist. Das löst ein infrastrukturelles Problem des Apple Store, bei dem dies zuvor nicht möglich war. Bei der „Spiegel“-App ist dabei auch die Zahlung über Kreditkarte möglich.
Im App Store hatte es bisher nur Verlagsanwendungen gegeben, die den User darüber informierten, dass die App ausgelaufen sei – dann konnte er den Zugriff mit erneuter Zahlung verlängern. „Etwas anderes wollen wir auch gar nicht, der Nutzer soll selbst entscheiden können“, so ein Apple-Sprecher gegenüber ONEtoONE.
Die Telekom will diese Lücke nutzen und ihre Position als Online-Bezahldienstleister weiter ausbauen. Gut ins Bild passt es da auch, dass der Konzern den Bezahlservice Clickandbuy, an dem er bereits eine Minderheit hält, laut „FTD“ ganz übernehmen will.
Aber auch unbekannte Anbieter versuchen, den Hoffnungen auf das Geschäft mit Paid Content wieder Nahrung zu geben. Der Berliner Technologieentwickler Neofonie hat mit dem WePad ein „Tablet für Verlage“ entwickelt, das „zu einem äußerst konkurrenzfähigen Preis in Konkurrenz zum Apple iPad auf den Markt gebracht wird“. Das neue Gerät soll nicht nur kompatibel zu Googles Android Store sein, sondern mit WeMagazine auch noch ein eigenes „Ökosystem“ für das E-Publishing mitbringen (re)
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