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Werbebranche im Umbruch

Gesucht: Der Kreative neuen Typs

2. Teil: Integrierte Ideen punkten in Cannes

Auch bei den Cannes Lions 2010 wurde laut Armin Jochum, Kreativchef von Jung von Matt/Alster und JvM-Vorstandsmitglied, deutlich, dass starke involvierende sowie integrative Gedanken den Nerv der Zeit treffen. In der Kategorie „Direct“ sei ebenfalls diese Sehnsucht nach neuen Ideen und involvierenden Kampagnen zu spüren. „Direct ist immer noch ein Highlight der ersten Festivaltage und hat sich in den letzten drei Jahren großartig ent­wickelt.“ In Zukunft werden laut Jochum neues Denken und digitale Möglichkeiten die Werbebranche prägen. „Wichtig ist, dass die Kultur in Unternehmen den Mitarbeitern einen Zugang zu beiden Themen ermöglicht.“ Das werde heute noch oft vernachlässigt und ende in unglücklichen Silostrukturen.

Tom Hauser, Creative Director Text bei Grabarz & Partner sowie Jurymitglied der Kategorie Radio bei den Cannes Lions, konnte ebenfalls feststellen, dass die Menschen heute nicht mehr über einzelne Anzeigen reden, sondern meist nur noch über Cases. „Der Trend geht definitiv weg von den singulären Medien.“ Kategorien wie „Direct“, „Press“ oder „Promo“, die laut Hauser vor noch nicht allzu langer Zeit gar nicht als feste Werbebereiche anerkannt gewesen seien, würden nun mehr und mehr an Bedeutung zulegen. „Es wird immer wichtiger, wie und wo ich jemanden anspreche.“ Positiv sei ihm aufgefallen, dass sich auch die Kategorie „Radio“ immer mehr den Entwicklungen öffne. Für die Unterkategorie „Radio als Medium“ erwarte er zukünftig spannende Einreichungen. In Zukunft werde es laut Hauser außerdem immer mehr darum gehen, dass Marken den Konsumenten ein Erlebnis schenken, beispielsweise in Form von Live-Veranstaltungen, und dass sie mit Kunden in den Echtzeitdialog treten.

Laut Alexander Schill, Kreativchef der Serviceplan-Gruppe, liegt die Kommunikation der Zukunft nicht bei den Werbern, sondern bei den Menschen draußen sowie im Web. „Wir werden in Zukunft weniger lustige Filmchen und Anzeigen produzieren. Es wird darum gehen, Inhalte und Ideen ins Web einzuspeisen, in der Hoffnung, dass sie dort aufgenommen, diskutiert und weiterverbreitet werden.“ Promotionale Ansätze und Dialogkommunikation würden zukünftig die Werbung bestimmen. „Nur wer sich auf den Dialog mit den Konsumenten einlässt, wird erfolgreich sein“, so Schill weiter. Außerdem seien Werber heute keine Prediger mehr, die von einer Bühne herab unterhalten würden. „Wir stehen jede Minute im Auftrag unserer Kunden mittendrin im Publikum und sind ein Teil des Ganzen. Wer das nicht versteht, wird aussterben wie die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren.“

Michael Koch, Kreativchef von OgilvyOne, bemängelt, dass in Canne­s in der Kategorie Direct Lions ein Mailing Gold gewonnen hat, „dass es so vor 20 Jahren schon dutzendmal gegeben hat“ – nämlich eine Schallplatte, die mit Hilfe einer Nadel am Pappdeckelumschlag Töne erzeugt. „Die Jury war entweder sehr unerfahren oder einfach zu jung. Sollten wir jetzt alte Ideen mal wieder ausgraben, neu verpacken und in Cannes einreichen?“ Außerdem sei in der Kategorie „Direct“ auch nicht alles Dialog gewesen, was eingereicht wurde. „Die gleichen Arbeiten findet man auch bei Promo, PR und Media. Ganz nach dem Motto: Egal, was es ist, wir reichen mal alles überall ein.“ Koch ist außerdem der Meinung, dass die Branche lernen sollte, wunderbare Cannes-Ideen ihren großen Kunden zu verkaufen und für eine umfangreiche Schaltung zu sorgen. Dann würden nicht nur einige Werber in Cannes ihre Freude an den Arbeiten haben, sondern auch ganz normale Menschen.

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Zeit: 30.07.2010